Autisten als Softwaretester

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Die Berliner Firma Auticon beschäftigt Autisten mit Asperger-Syndrom und ist begeistert von ihren Mitarbeitern und deren besonderen Fähigkeiten und Begabungen. Mittlerweile gibt es einige Firmen, die sich diesem Geschäftsmodell verschrieben haben. Hier scheint großes Potenzial zu schlummern.

Wer das Wort Autist hört, wird vermutlich gleich an den Film Rain Man denken, in dem sich ein Dandy (Tom Cruise) plötzlich mit seinem autistischen Bruder (famos gespielt von Dustin Hoffman) konfrontiert sieht. Oder an die berühmten Savants, die beispielsweise nach einem Hubschrauberrundflug die Skyline von Manhattan detailgetreu nachmalen können – aus dem Gedächtnis wohlgemerkt. Doch echte Savants gibt es nur wenige (weltweit bekannt sind kaum 100 Fälle), Autismus ist vielmehr eine Entwicklungsstörung mit unterschiedlich starker Ausprägung. Gemeinsam ist jedoch allen Betroffenen, dass sie all die Reize, die täglich auf sie einprasseln, mehr oder minder schlecht filtern können. Der Alltag und besonders der Umgang mit Menschen, die soziale Interaktion also, überfordern sie häufig. Stattdessen verfügen sie in bestimmten Teilbereichen über besondere Fähigkeiten und Expertenwissen und gehen darin total auf. Etwa in der Vorliebe für Zahlen oder sich regelmäßig wiederholende monotone Muster, die auf die meisten anderen Menschen wohl eher eine einschläfernde Wirkung hätten. Ideale Voraussetzungen zum Softwaretesten. Die Berliner Firma Auticon hatte nun die Idee, die besonderen Begabungen dieser Menschen nutzbar zu machen und beschäftigt als IT-Consultants ausschließlich – so es der Firmenname schon vermuten lässt – Autisten, und zwar jene mit Asperger-Syndrom.

Bei dieser „leichten“ Form des Autismus ist die Intelligenz in der Regel normal ausgeprägt, ab und an kommt noch eine Hoch- oder Inselbegabung hinzu. Was Menschen mit dieser „Störung“ auszeichnet, sind Expertenwissen, logisch-analytische Stärken und besonders ausgeprägte Spezialinteressen, die Vorliebe für Zahlen etwa oder sich regelmäßig wiederholende monotone Muster, die auf die meisten anderen Menschen wohl eher eine einschläfernde Wirkung hätten. Außerdem gelten sie als sehr loyal und wahrheitsliebend. Ideale Voraussetzungen zum Softwaretesten, dachte sich der Gründer von Auticon, Dirk Müller-Remus und stellt bewusst Autisten als Consultants im IT-Bereich ein. Dabei achtet er selbstverständlich darauf, dass man ihren Eigenheiten gerecht wird und sie etwa in einem geräuscharmen Umfeld arbeiten können und stets klare Anweisungen bekommen.

Keineswegs, so Müller-Remus, ist Auticon eine karitative Veranstaltung. In seinem Unternehmen, das 500.000 Euro Starthilfe vom Social Venture Fund erhalten hat, bekommen die Tester marktübliche Stundensätze, arbeiten und die Kunden sind mit der überdurchschnittlich präzisen Arbeit hochzufrieden. In zwei Jahren soll sich Auticon Müller-Remus zufolge selbst tragen können. Bis dahin sollen jedes Jahr zwölf neue Arbeitsplätze geschaffen werden, weitere Büros in anderen deutschen Großstädten sollen folgen.

Autismus als Geschäftsmodell funktioniert in vielen anderen Ländern bereits hervorragend. In Dänemark etwa, wo das Unternehmen Specialisterne eine Million Jobs für Autisten schaffen will. Bislang existieren Standorte in der Schweiz, in Österreich und Schottland, Island und den USA. Auch in Belgien gibt es Erfolge zu vermelden: Bei der vor vier Jahren gegründeten Firma Passwerk sind 35 Autisten angestellt, sie erwirtschaftet zwei Millionen Euro und verzeichnet stolze zehn Prozent Gewinn macht.

Neben einem angemessenen Gehalt profitieren die autistischen Mitarbeiter auch noch von einer ganz anderen, wichtigen Sache: Selbstvertrauen und dem Gefühl, endlich gebraucht zu werden, nützlich zu sein. Einige wagen sogar Dinge, die für sie früher unvorstellbar gewesen wären: Eine Urlaubsreise zu machen oder endlich von zuhause auszuziehen.

Via: Die Zeit

Bild: © vege – Fotolia.com

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