Eine Mannschaft ist nur so gut wie ihr Kopf: Was der Mittelstand vom Spitzensport lernen kann

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Die Fußball WM 2014 startet in wenigen Wochen. Die Vorbereitungen von Spitzenfußballern aus aller Welt und ihren Trainern laufen auf Hochtouren. Wer in diesem Wettbewerb gewinnen will, muss nicht nur körperlich und technisch fit sein, sondern auch mental. Antje Heimsoeth, international tätiger Mental Coach, Keynote Speaker und Buchautorin, erklärt, was die Wirtschaft u.a. vom Profifußball lernen kann. Denn „Fußball und Wirtschaft liegen nicht weit auseinander“, weiß auch der deutsche Fußballexperte Rainer Calmund (Attendorner Wirtschaftsgespräch 2011).

Topfußballer und Mittelständler haben ein gemeinsames Ziel: besser zu sein als ihre Mitbewerber oder Gegner. Wo der Erfolgsdruck hoch ist, ist der Kopf ein entscheidender Faktor über Sieg oder Niederlage. Mentale und emotionale Stärke ist eine wesentliche Voraussetzung für Höchstleistungen. Wer mental stark ist, findet auch in Stresssituationen seine innere Ruhe, ist belastbarer, behält den Blick fürs Große und Ganze, schöpft seine Ressourcen aus. Er weiß um seine Ziele und hat eine positive Grundstimmung. Das wusste auch der ehemalige Bundestrainer Jürgen Klinsmann, als er vor zehn Jahren zur Vorbereitung der Fußballnationalmannschaft erstmals einen Sportpsychologen ins Team holte. Als Pep Guardiola 2008 den titellosen FC Barcelona als Trainer übernahm, war eine der ersten Parolen, die er wie ein Mantra für die Mannschaft ausgab: „Sei du selbst!“ (Focus 14/2014). Mentaltraining unter Anleitung eines erfahrenen Mental Coaches kann auch Unternehmern und ihren Führungskräften dienen, um sich und ihre Teams auf gesunde und positive Weise zu Höchstleistungen zu motivieren.

Mentale Stärke

Mentales Training befasst sich mit dem geistigen Zustand (lat. „mens“ = Geist, Verstand, Intellekt). Es ist die gedankliche Vorbereitung, das geistige Hineingehen in eine Situation, um diese später real optimal zu meistern. Wer mental stark ist, kann sein Leistungsspektrum ungeachtet aller inneren und äußeren Störungen zum gewünschten Zeitpunkt am Tag X voll und ganz ausschöpfen. Im Spitzensport hat Mentaltraining in der Regel drei Funktionen: Die Optimierung der Bewegungsvorstellung, das Abrufen eines Erfolgserlebnisses („moment of excellence“) u.a. zur Motivation, und die Psychoregulation (z.B. durch Blitzentspannung, Progressive Muskelentspannung), um das Lampenfieber vor einem sportlichen Wettkampf in den Griff zu bekommen. All das sind Erfolgsfaktoren, die sich auch auf die Bedürfnisse eines mittelständischen Betriebs übertragen lassen. Besondere Herausforderungen im Job wie Präsentationen oder schwierige Verhandlungen oder Gespräche lassen sich gleichfalls mit mentalen Techniken vorbereiten und bewältigen. Eine hochmotivierte Mannschaft ist für den erfolgreichen Vertrieb Ihrer Produkte genauso wichtig wie die Fähigkeit jeder Führungskraft, sich selbst regulieren zu können. Bei allen mentalen Techniken gilt eines: Mentale Stärke baut sich nicht über Nacht auf, sondern nur durch Üben, üben, üben. Verhaltensweisen, die kaum trainiert sind, sind in kritischen, herausfordernden Momenten nicht abrufbar.

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile

Wer viele Spezialisten zu einem Team zählt, steht vor der Herausforderung, Individualisten zu einem gemeinsamen Bekenntnis (Commitment) zu bewegen. Es gilt, die Motivation bei jedem einzelnen zu wecken – welcher Weg hier geeignet ist, hängt vom Individuum ab. Manche lockt der Status, andere die Sicherheit und wieder andere die Neugier. Als Fußballtrainer wie als Unternehmer sind Sie – je nach individuellem Bedarf – Antreiber, Anker, Vorbild oder Animateur. Stärken Sie das Wir-Gefühl Ihres Teams und fördern Sie soziale Kontakte durch gemeinsame Events, zelebrieren Sie Erfolge.Lassen Sie z.B. Mitarbeiter und Führungskräfte nacheinander durch ein Spalier gehen, das alle Mitarbeiter gemeinsam bilden. Alle klatschen und jeder Einzelne darf auf seine Art demjenigen, der gerade durch das Spalier geht, gratulieren. Auf diese Weise fühlen sich Mitarbeiter von Ihnen und dem Team „gesehen“.

Bewahren Sie sich und anderen vor allem eines: den Spaß an der Sache! Pep Guardiola habe, so sein Biograf Guillem Balague, einmal folgendes Erfolgscredo geäußert: „Liebe deinen Beruf, liebe dein Leben!“ Sind wir eins mit dem, was wir tun, sind wir auch zu Höchstleistungen fähig.

Eine Mannschaft ist nur so gut wie ihr Kopf: Was der Mittelstand vom Spitzensport lernen kann

Am Anfang steht das Ziel

Halten Sie mit Ihrem Team gemeinsam eine positive Zielformulierung schriftlich fest, die Zweifeln keinen Platz einräumt. Mit klar, positiv und aktiv formulierten Zielen (Endziel, Etappenziele) stellt sich das Unterbewusstsein auf „Erfolg“ ein. Gedanken an die Konkurrenz und Vergleiche sind dabei tabu! Das Ziel sollte, realistisch formuliert unter Berücksichtigung vorhandener Ressourcen und Möglichkeiten des Unternehmens, für alle Mannschaftsmitglieder interessant und ökologisch sein. Formulieren Sie Ziele als Handlungs- und Ergebnisziele und nicht als Vermeidungsziele („Wir dürfen nicht weniger als x Stück unseres Produkts im 3. Quartal verkaufen.“) Statt „weg von“ ist die Devise: „Hin zu“. Ziele, in denen das Thema so formuliert ist, dass der Zustand, der erreicht werden soll, darin enthalten ist, werden Annäherungsziele genannt („Wir peilen x Stück (und mehr) verkaufter Produkte im 3. Quartal an.“)

Die richtige Zielfokussierung ist ein entscheidender Erfolgsfaktor. Als der FC Bayern München das Champions League-Finale 2010 vor heimischer Kulisse verlor, lag das u.U. auch an der falschen Ausrichtung. Monatelang war das erklärte Ziel gewesen, ein Finale „dahoam“ zu bestreiten. Und das wurde ja bekanntlich erreicht. Erst klare Ziele helfen, herausragende Ergebnisse zu erreichen – im Sport wie in der Wirtschaft. Nur wenn Sie genau wissen, wo Sie hin wollen, können Sie den Weg dorthin festlegen und sofort die ersten Schritte in die richtige Richtung gehen.

Gesundes Führen gewinnt!

„Gesundes“ Führen spielt mittlerweile eine entscheidende Rolle für den Erfolg eines Unternehmens. Und zum gesunden Führen gehören Wertschätzung, Anerkennung, Sicherheit, Stärken stärken, Selbst- und Körperwahrnehmung, mentale und emotionale Stärke. Nur wer sich selbst führen kann, kann auch andere führen. Nur wer sich selbst vertraut, dem vertrauen auch die Mitarbeiter. Verlässlichkeit, Transparenz, Austausch, Weitergabe von Informationen und positive Sprache sind entscheidende Faktoren eines gewinnbringenden Führungsstils, egal, ob es um den Erfolg einer Fußballmannschaft oder einer Vertriebsabteilung geht. Stärken Sie die Stärken Ihrer Mitarbeiter und setzen Sie sie entsprechend ihrer Stärken ein – ein Spieler mit dem Naturell eines Verteidigers wird nie ein Spitzenstürmer werden. Nur wer die Aufgaben dem Menschen anpasst, gibt ihm die Chance, Höchstleistungen zu zeigen. Wer sich seiner Stärken bewusst ist und diese einsetzen kann, geht mental gestärkt an Herausforderungen heran und gerät weniger unter Druck. Dieses Bewusstsein steigert das Selbstwertgefühl und schenkt Selbstvertrauen.

Achten Sie als Führungskraft besonders in kritischen Situationen auf Ihre Körpersprache. Kein Trainer hilft seiner Mannschaft, wenn diese im Rückstand ist und er am Spielfeldrand die Hände über seinem gesenkten Kopf zusammenschlägt. Welcher Spieler sollte jetzt noch an den Erfolg glauben? Als Führungskraft müssen Sie manchmal auch schauspielern und Sicherheit in jenen Momenten verkörpern, in denen Sie selbst zweifeln, um nicht für weitere Verunsicherung zu sorgen.

Erfolgsfaktor mentale und emotionale Stärke

Erfolgreiche Mannschaften werden in Brasilien neben einer hervorragenden körperlichen Verfassung, ausgefeilter Technik und Ausrüstung vor allem emotionale und mentale Stärke bewiesen haben. Sie sind mit Selbstvertrauen ins Spiel gegangen, haben Selbstzweifel, die Provokationen gegnerischer Spieler und andere Störfaktoren ausgeblendet, waren auf den Augenblick und das Abrufen ihrer Leistung konzentriert. Sie haben Versagensangst und Leistungsdruck Stand gehalten, sind auf ihre Aufgaben fokussiert geblieben. Dabei halfen ihnen u.a. geübte Routinen, Rituale, klare und aktive Zielvorstellungen sowie positive Selbstgespräche (Affirmationen). Diese Elemente des Mentaltrainings dienten ihnen bereits im Vorfeld dazu, ihr Unterbewusstsein darauf zu programmieren, eine bevorstehende Situation erfolgreich zu meistern. Wie wichtig diese Programmierung ist, hat der österreichische Ultra-Extremradsportler Wolfgang Mader, Kunde von mir, einmal so beschrieben: „Es ist entscheidend, den Kopfcomputer vor einer Präsentation zu programmieren und nicht erst währenddessen – eine Powerpoint-Präsentation bereitet man ja auch vor Beginn des Vortrags vor.“

„Achte auf deine Gedanken! Sie sind der Anfang deiner Taten.“

Klingt zu einfach, um wahr zu sein? Glauben Sie wirklich, die deutsche Fußballnationalmannschaft wäre 2010 bis ins WM-Halbfinale gekommen, hätten ihre Spieler wie Verlierer gedacht? Athleten lernen, dass negative Gedanken u.a. zu Muskelverspannungen führen, den Bewegungs- und Atemfluss hemmen und sogar in leichte Schmerzen münden können. Lachen, positive Gedanken und „Code“-Wörter lockern die Muskulatur ‒ und sie führen zu einer veränderten Sicht der Dinge.

Achten Sie also auf Ihren inneren Dialog, die Stimme, die da in Ihnen spricht: „Hoffentlich stottere ich nicht gleich wieder in der Präsentation?“ Die Kontrolle über die eigenen Gedanken (Gedankenhygiene) entscheidet, ob Sie bei sich negative oder positive Gefühle in Gang setzen, die Ihre Körperhaltung und Ihre Leistung beeinflussen. So kann aus einem Sie hemmenden Satz wie „Ich bin nicht so gut wie XYZ.“ die bestärkende Überzeugung„Ich vertraue meinen Fähigkeiten!“ werden.

Affirmationen, Sätze, die beflügeln statt bremsen

Das Wort Affirmation (= positives Selbstgespräch) beinhaltet das lateinische Wort „firmare“, was so viel bedeutet wie „festigen, verankern“. Eine Affirmation ist ein bejahender, unterstützender Satz, der – regelmäßig wiederholt – Überzeugungen verändern kann.

Analysieren Sie Ihre Selbstgespräche und ermitteln sie jene, die bei vergangenen Herausforderungen unterstützend waren. Leiten Sie aus solchen inneren Dialogen kurze Ich-Sätze ab, die immer positiv formuliert sind. Diese lassen sich auch auf dem Smartphone oder auf dem Desktop Ihres Computers abspeichern. Je öfter Sie sie lesen, umso besser speichert Ihr Unterbewusstsein die Botschaft ab.

Kopfkino als Erfolgsmagnet

Eine zentrale Technik im Mentaltraining ist die Visualisierung. Die bildhafte Vorstellung beeinflusst unser Unterbewusstsein, aktiviert Erlebnisnetzwerke im Gehirn und arbeitet nach dem Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeiung („self-fulfilling prophecy“).Im „Kopfkino“ stellen Sie sich das anvisierte Ziel so erfolgreich wie möglich vor. Das lässt sich auch gut im Team durchführen. Die Gruppe entspannt sich in einem ruhigen Raum und lässt sich, z.B. mittels einer Aufzeichnung, durch eine Zielvisualisierung führen. Die Visualisierung beschreibt das gemeinsam formulierte Ziel, z. B. die Marktpositionierung, lebendig und emotional, am Ende steht der Auftrag der Firma XY und die Feier des Teams. Visualisiert werden kann übrigens alles. Möglicherweise gibt es einen Lieferengpass oder kurzfristige Auftragsänderungen. Wie Sie und Ihr Team mit solchen Widrigkeiten umgehen, auch das durchdenken Sie vorab (Wenn, dann-Pläne von Gollwitzer (1999)). Es gilt, mit der Kraft der Vorstellung Situationen optimal zu meistern, die beste Leistung abrufen zu können.

Weltmeister in der Wirtschaftswelt wird nur, wer Herausforderungen mit Ehrgeiz, Disziplin, Zuversicht, Risikobereitschaft und Selbstvertrauen begegnet. Dazu gehört übrigens auch, Rückschläge erfolgsorientiert zu verarbeiten. Leiten Sie aus Misserfolgen Erkenntnisse für die Zukunft ab, denn es gilt stets: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel!

Eine Mannschaft ist nur so gut wie ihr Kopf: Was der Mittelstand vom Spitzensport lernen kannÜber die Autorin:

Antje Heimsoeth, Diplom-Ingenieurin (FH), Coach, ECA, Gesundheitstrainerin, ECA Sport Coach (Master Competence), zert. Sport-Mentaltrainerin, zert. Business Coach und Keynote Speakerin mit Olympiafaktor: Go for Gold mit eigenem Institut SportNLPAcademy®. Weltweit tätig. Antje Heimsoeth veröffentlicht regelmäßig Beiträge zum Thema Mentale Stärke, Motivation, Gesund führen, Selbstführung, Kommunikation und Mentale Gesundheit in Fach- und Publikumsmedien wie z.B. Focus Online, Bild.de, Trainingsworld, Wissen + Karriere und Wirtschaftswoche.

Online www.business-mentaltrainer.eu, www.antje-heimsoeth.com

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2 Kommentare

  1. Kann Antje Heimsoeth in allen Punkten zustimmen, eine langfristige Vision (abgestimmt zu den Zielen) kann ein Mosaik noch vervollständigen.

    Mit den besten mentalen Erfolgsgrüssen,
    Swen-William Bormann 😉 Wenn Du es träumen kannst, dann kannst Du es: „Einfach tun“!

  2. Ich kann das nur unterstreichen. Wir können aus dem Spitzensport eine Menge in Bezug auf mentale Stärke lernen. Vor allem für mittelständige Unternehmen sehe ich dort ein großes Potenzial, um einen weiteren Baustein in Richtung eines erfolgreichen Unternehmens zu setzen. Ich war schon selbst bei erfolgimberuf und hab dort sehr gute Erfahrungen gemacht. Als Führungskräfteentwicklung ist das sehr zu empfehlen.

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