Gehört den E-Books wirklich die Zukunft?

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Herr De Micheli, sind E-Books für Verlage eine Bedrohung?
Jene Verlage, welche das so sehen, werden nicht von E-Books bedroht sondern viel eher von deren Weigerung und Ängsten, sich den vielfältigen Herausforderungen der Onlinewelt und Digitalisierung zu stellen. E-Books sind nach meinem Dafürhalten eine Chance für Verlage, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, neue Inhalte und Leistungsformen zu bieten und neue Leser anzusprechen. Doch das Umdenken fällt vielen schwer, da man sich mit vielen Ungewissheiten auseinandersetzen muss, die Entwicklung nur schwer einzuschätzen ist und man schnell einmal in technologische Sphären kommt, die völlig neue Sichtweisen erfordern. Verlage müssen vom produktorientierten Denken als „Buchhersteller“ wegkommen und sich als Inhalteproduzenten verstehen lernen, deren Content sich mehr und mehr digitalisiert, auf immer mehr Geräten und Plattformen konsumiert wird und in eine zunehmend vernetzte Leserwelt eingebunden ist, deren Alltag von allgegenwärtigen Smartphones dominiert wird.

Wie verläuft die Entwicklung von E-Books zurzeit?
Momentan legt das E-Book-Wachstum zwar eine „Pause“ ein, doch langfristig, da bin ich mir sicher, wird das Wachstum weiter gehen. Die jährlichen Zuwachsraten sind aber nach wie vor zweistellig und im DACH-Raum liest inwzischen jeder vierte Leser E-Books. Dafür gibt es mehrere Gründe: Die Preise einfacher E-Book-Geräte sind stark gefallen und es gibt immer mehr Geräteformen und auch Lese-Apps für Smartphones. Die neue, mit der Playstation und dem Internet aufgewachsene und technikaffine Generation ist jetzt im Lesealter. Dabei ist wichtig: Sie haben keine Berührungsängste mit digitalen Medien mehr. Interessant die teilweise konträren Aussagen von E-Book-Lesern; die meinen: "Seit ich E-Books lese, muss ich nicht mehr kiloweise Holzbücher mit mir rumschleppen" und von Skeptikern hörte ich schon: "Was, Bücher auf Computern lesen? Kommt nicht in Frage, ich liebe das Rascheln der Buchseiten und halte gerne das gute alte Buch in Händen".

Was können denn E-Books mehr als gebundene Bücher?
E-Books nutzen erst einen kleinen Teil ihres Potenzials. Aber schon heute kann man E-Books schnell und bequem per Knopfdruck in wenigen Minuten auf den E-Book-Reader laden und lesen – dabei hat man mit Leseproben vor dem Buchkauf erst noch bessere Prüfmöglichkeiten. E-Books sind preiswerter (Einsteigermodelle sind mittlerweise für bereits 70 Euro erhältlich) und Studierende haben auf mehreren Geräten Zugriff auf ganze Fachbibliotheken. Das digitale Buch ist zudem auch ökologisch und Material- und Distributionsaufwand fallen weitgehend weg. Aber auch bessere Recherchemöglichkeiten und inhaltliche Weiterverarbeitungen sind nützlich: interessante Aussagen kann man beispielsweise einfach markieren und archivieren. Und auch die integrierten Wörterbücher und das Aufkommen des Social Readings sind gerade für Lernende in Studium und Beruf interessant. Generell gilt eben: Wenn ökonomische Vorteile, Convenience, Kostenvorteile (für Leser und Verlage) und substanzielle und relevante Mehrleistungen zusammenfallen, ist eine neue Technologie jeweils nicht mehr aufzuhalten, die Vorteile überwiegen einfach zu sehr.

Sie sagen, E-Books stehen am Anfang ihres Potenzials. Was ist denn mehr zu erwarten?
E-Books sind in der Darstellungsqualität und -vielfalt heute noch eingeschränkt und die verschiedenen Formate sind für Leser verwirrend. Für Verlage ist es zurzeit noch nicht möglich, hochwertige und komplexe Darstellungen auch auf elektronischen Readern zu gewährleisten. Denn Bildschirmarten und -größen, Helligkeit, Kontrast, Auflösungsqualitäten und andere Faktoren variieren zu stark, von den verschiedenen Formaten ganz zu schweigen.

Doch schon bald wird man wohl Bildbände in höchster Qualität produzieren können, die gebundenen Büchern in nichts mehr nachstehen. Interaktivität, Multimedialität und Vernetzung sind meines Erachtens die interessantesten und wahrscheinlichsten Entwicklungsbereiche und Innovationspotenziale. Konkret kann dies für den Leser folgende spannenden Möglichkeiten bieten: man tippt auf eine Abbildung und kann sich einen kurzen Dokufilm anschauen, eine Grafik einblenden lassen, aktuelle Artikel von Fachmagazinen zum Thema des Kapitels aufrufen, beim Zitat eines Experten ein aktuelles Interview von ihm anhören oder zu einem wichtigen Thema gleich ein Webinar dazu buchen. Nicht nur Leser, auch Inhalte werden sich immer mehr vernetzen.

Welche Chancen bieten Ihnen E-Books als Fachverlag?
Für uns als Fachverlag sind E-Books – mit den oben genannten Möglichkeiten – besonders interessant. Wir können neue, jüngere Leser ansprechen, Fachbücher mit Zusatzleistungen wie Analysetools und Kurzpräsentationen für die betriebliche Anwendung anreichern. Aber auch so genannte Single-Auskoppelungen sind interessant, also das Zweitverwerten einzelner Kapitel für neue Nischenthemen-E-Books. Bücher von 60-80 Seiten finden in gedruckter Form kaum Akzeptanz, weil sie zu schmal wirken, bei E-Books fällt dieser Nachteil weg, da der Buchumfang physisch nicht sichtbar ist. Wir bieten auch Hybrid-Titel, d.h. Bücher als Print- und E-Book an. Mehr zu unserer Strategie hier auf der Verlagsseite.

Aber wir werden auch wesentlich schneller auf aktuelle Themen reagieren können; besonders interessant sind dabei die Aktualisierungsmöglichkeiten – konnte man dies bei gebunden Büchern alle zwei Jahre, ist es bei einem E-Book vierteljährlich oder bei Top-Themen gar monatlich möglich. Dies hat enormen Einfluss auf die Qualität und Zuverlässigkeit der Fachinformationen. Hinzu kommt der Medienverbund, also Buchinhalte mit Internetangeboten zu koppeln. Auch Lancierungsrisiken können gesenkt werden, indem wir neue Themen vorerst als E-Booklets publizieren und bei guter Nachfrage ein Buch dann erweitern und es auch als Printausgabe herausgeben. Kann man hier während der Entstehung eines Buches noch Leserkommentare und -wünsche einbinden, ist dies optimal, um es noch stärker auf Leserbedürfnisse auszurichten, was gerade im Fachbuchbereich wichtig ist. Auch Testleserunden mit Probekapiteln sind eine Möglichkeit, um das Marktpotential eines Manuskriptes zu prüfen und so das Floprisiko zu minimieren.

Wie gehen Sie in ihrem Verlag konkret vor?
Wir praktizieren die Politik der kleinen Schritte, d.h. wir sind in E-Books im Tempo und mit den Investitionen parallel, sprich im Einklang zum Marktwachstum und den Leserbedürfnissen aktiv. Wir geben zurzeit etwa ein Dutzend Printwerke auch als E-Books heraus. Zurzeit bieten wir auch eine neue digitale Bundle-Angebotsform als PRAXIUM-Digitalbibliothek mit interessanten Konditionen, E-Docs (Arbeitshilfen-Spin-offs) als eine Art digitale Lowbudget-Linie aus bestehenden Werken – und diverse titelspezifische Zusatzleistungen an. Wir sind bestrebt, nicht nur über Preismodelle nachzudenken, sondern die Digitalisierung auch als Chance für mehr Produkteformen für unterschiedliche Zielgruppenbedürfnisse und Contentleistungen, sprich die Produktedifferenzierung, zu nutzen.

Was halten Sie vom stark aufkommenden Selfpublishing?
Das Selfpublishing (das Veröffentlichen von Büchern durch Einzelpersonen in Eigenregie) wird von vielen Verlagen meines Erachtens nahezu sträflich unterschätzt oder gar belächelt, was meines Erachtens eine gefährliche Fehleinschätzung ist. Ich schätze Bedeutung und Wachstum mittel- und langfristig als sehr groß ein. Unter den hundert meist verkauften E-Books stammt inzwischen rund die Hälfte von Selfpublishern. Das Selfpublishing könnte die Bedeutung der Verlage reduzieren oder gar bedrohen, denn der Direktkontakt vom Autor zum Leser ist mit optimierten Angebots- und Selektionsmodellen denkbar. Im Selfpublishing bestimmen nicht mehr Lektoren sondern Leserbewertungen mit Sternevergaben, was auf dem Buchmarkt Erfolg hat und was nicht. Gatekeeper haben es in der Internetwelt und Digitalisierung generell schwer; auch Verlage gehören dazu.

Nur auch das Selfpublishing können sich die Verlage zunutze machen. Im Falle unseres Fachverlages könnte ich mir beispielsweise vorstellen, ein Selfpublishing-Portal für Nischenthemen anzubieten, was das Fachinformationsangebot für den Kunden drastisch erhöhen würde, positive Synergien für unser Sortiment hätte und für uns auch ein Marketing- und vor allem Marktforschungsinstrument sein könnte, auf gute Autoren und attraktive Themen zu stoßen. Wenn qualitativ hochwertige Inhalte daraus sogar auch noch in unser klassisches Sortiment einfließen könnten, wäre dies eine weitere Wertschöpfung und wir müssten dabei gar nicht mehr viel verdienen müssen. Nicht zu vergessen die Möglichkeit, erfolgreiche Titel ohne Floprisiko ins Printprogramm aufnehmen zu können.

Sie sind ein Fachverlag für das Personalwesen. Was bieten E-Books dem HRM?
Sie eröffnen im Contentbereich neue Möglichkeiten des Lernens in der Personalentwicklung mit multimedialen und interaktiven E-Books. Wie schon gesagt, können Bücher sehr schnell und meistens kostengünstiger bezogen werden und sind aktueller, was bei Themen wie dem Arbeitsrecht und Sozialversicherungen besonders wichtig ist – es werden für uns im Arbeitsrecht beispielsweise quartalsweise Aktualisierungen möglich. Interessant können auch Themensplits sein, indem man enge aktuelle Themen aus breiteren Titeln zu kostengünstigen Booklets kreiert und diese vertieft, was auch der Gewinnung neuer Leser dient (Beispiele solcher E-Docs). Zugriff auf ganze Fachbibliotheken auf E-Book-Readern zu haben, Zusatzinhalte wie Kurzseminare oder ein aktuelles Fachinterviews des Autors zum Recruiting abrufen zu können, ist ebenfalls interessant und eine Bereicherung des Lernens und Lesens.

Unsere Fachinformationen gehen schon seit Jahren weit über die traditionelle Wissensvermittlung hinaus und unterstützen vor allem stark anwendungsorientiert den Lern- und Arbeitsprozess in der HR- und Unternehmenspraxis, nebst E-Books auch mit digitalen Mehrwertleistungen, d.h. Tools auf CD-ROM. (Mehr dazu hier). Dies sind individuell anpassbare und interaktive Tools, beispielsweise Analysetools bezüglich HR-Kennziffern (Tool-Beispiele hier). Wir geben diese auch zur Verwendung in betrieblichen Netzwerken frei. Aus diesem Verlagsverständnis und dieser Erfahrung hinaus fällt uns das Einstellen auf die Digitalisierung vermutlich etwas leichter als anderen Verlagen.

 

PRAXIUM-Verlag
Fachverlag für das Personalwesen und das Leadership
Kalchbühlstrasse 50
8038 Zürich
Ihre Meinung zum Thema interessiert mich: mail@praxium.ch

 

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