Interview: Webmontag – „die digitale Szene soll sich bei uns vernetzen“

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„Der Webmontag ist ein informelles Treffen zum Thema Web 2.0“. Diesen Satz liest der Interessierte auf jeder Wiki-Seite zum Thema. Nach einem Treffen mit Rene Sasse auf der diesjährigen Re:publica stellte ich selbigem und seiner charmanten Kollegin Kristin Oldenburg, beide aus Hamburg, zum Event einige Fragen. Speziell Unternehmen aus dem Mittelstand bietet diese Plattform unzählige Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln.

Kristin, Rene, wer seid Ihr? Was macht Ihr beruflich?

Rene: Meine Name ist Rene Sasse, 35 Jahre, AKA @renehamburg und arbeite derzeit für die IPHH Internet Port Hamburg GmbH in Hamburg als Technischer Berater in einem Rechenzentrum. Ein Job der mir viel Freude bereitet, weil ich viel mit Menschen zu tun habe. Das ist mir in letzter Zeit immer wichtiger geworden. Die reine Arbeit am Bildschirm ödet mich regelrecht an. Privat fotografiere ich gerne und natürlich sind es Barcamps oder ähnliche Orte, an denen man mich findet.

Kristin: Und ich bin Kristin Oldenburg. Vor nicht ganz vier Jahren habe ich mich nach einer Festanstellung als AD in einer Hamburger Online Agentur als Kommunikationsdesignerin selbständig gemacht. Inzwischen bin ich ein Allrounder im Bereich der Webentwicklung. Vom Design, über die technische Umsetzung bis hin zur strategischen Beratung von Firmen. Mich interessiert schon immer der Blick über den Tellerrand und die Synergien und Einblicke die entstehen, wenn sich die digitale Szene persönlich und im realen Leben trifft.

Webmontag bringt laut Definition „Anwender, Entwickler, Gründer, Unternehmer, Venture Capitalists, Forscher, Web-Pioniere, Blogger, Podcaster, Designer und sonstige Interessenten“ zum Thema Web 2.0 zusammen. Diese Palette erscheint mir ein wenig groß. Wie muss ich mir einen dieser Montage vorstellen?

Kristin:

Bombastisch. Vergiss die Headhunter bitte nicht (lacht). Wir sind selbst immer wieder positiv überrascht, wer da so alles zu uns kommt. Und das ist gut so. Denn gerade das macht den Webmontag aus. Das war unser Ziel. Nicht zu technisch, aber auch nicht zu viel Social Media oder Projekt-Management.

Wir haben immer eine gute Mischung aus Themen kreiert, die bisher interessant und informativ erschien. Oftmals ist es auch so, dass sich verschiedene Redner zum selben Thema melden und wir so einen runden Themenabend anbieten können. Aber oft ist es auch „nur“ ein Kessel Buntes, was den Montag Abend ebenfalls abwechslungsreich gestaltet.

Rene:

Für uns ist dabei besonders wichtig, dass das Ganze einen Anfang und ein Ende hat. 19 Uhr geht es los und bei vier Vorträgen von 15 Minuten ist in der Regel auch pünktlich um 21 Uhr Schluss. Zwischen den Vorträgen und ab 21 Uhr wird sich fleißig Zeit fürs Netzwerken genommen.

Was will der Webmontag eigentlich von mir als Besucher?

Kristin: Dass du mitmachst. Wirklich, der Webmontag ist ein Mitmach-Event. Der Webmontag kann nur existieren, wenn Du Input lieferst. Selbst, wenn Du nur Fragen stellst. Hier gilt das Motto der Sesamstraße: Wer nicht fragt bleibt unwissend.

Rene: Wir wollen Inspirationen liefern. Ideen. Neuerungen. Technologien. Hinweise. Wir wollen, dass der Besucher nach der Veranstaltung sagt: „Super. Ich habe einiges mitnehmen können.“

Gründer, Unternehmer? Ist damit auch der Mittelstand gemeint? Stelle mir das nicht einfach vor, den KMU das Potenzial von Web-2.0-Technologie aufzuzeigen? Wie geht ihr da vor?

Rene: Der Mittelstand. Das ist ein gutes Thema. Lass uns bitte ein wenig weiter ausholen.
Der Webmontag fand früher in Bars statt. Mit sechs bis zehn Personen ist das auch kein Problem. Unsere Webmontage werden mittlerweile von 80 bis 120, teilweise auch über 200 Personen besucht. Da brauchen wir schon echte Konferenz beziehungsweise Tagungsräume.

Kristin: Hier kommt dann der Mittelstand ins Spiel. Der Mittelstand, und nicht nur der, hat immer wieder Probleme Mitarbeiter zu finden. Über den Webmontag bieten wir etwas an, was selbst Headhunter-Agenturen nicht bieten können: Bis zu 100 Personen aus der Web 2.0 Szene, bei denen man sich als Unternehmen in einer Art Elevator-Pitch vorstellen kann. Der Erfolg spricht für uns. So ist der Webmontag Hamburg bereits für das komplette Jahr 2012 ausgebucht. Darüber sind wir mächtig stolz.

Noch mehr würden wir uns freuen, wenn weitere Firmen aus dem Mittelstand sich für den Webmontag interessieren würden. Es ist eine Chance für alle Beteiligten, zumal der Webmontag fast nichts kostet. Wir benötigen lediglich einen Raum, Beamer und Sitzplätze. Getränke plus Fingerfood sind ein nice-to-have.

Rene: Das Netzwerken beginnt demnach schon in der Vorbereitung: Es geht nichts über die richtigen Kontakte. Diese zu finden und zu pflegen sind das A und O.

Versteht der Mittelstand die Technik dahinter einfach nur falsch oder ist es die Angst vor etwas Neuem?

Rene: Die Geschichte vom Mittelstand und dem Web 2.0 ist eine Geschichte voller Missverständnisse.

Wir sind der Meinung, dass etwas „Neues“ oft als etwas „unbequemes“ interpretiert wird. Viele kennen das: „Das ist neu, das kann nichts. Das gab es doch früher schon mal?!“.

Wir erinnern uns an folgende Phrasen:

  • „640KB sind genug für jeden“.
  • „Ich denke, dass es einen Weltmarkt für vielleicht fünf Computer gibt“.
  • „Es gibt keinen Grund, warum irgend jemand einen Computer in seinem Haus benötigt“.

All das hat sich als Irrtum herausgestellt. Die Devise muss daher heißen: „Es ist neu und es sollte mich interessieren: Wer kann uns also etwas dazu sagen oder Input liefern?“

Gibt es Erfolgsgeschichten?

Kristin: Der Webmontag an sich ist eine kleine Erfolgsgeschichte. Innerhalb von zwei Jahren haben wir eine Gruppe mit inzwischen über 1.400 hoch qualifizierten Webinteressierten aufgebaut. Vom Azubi bis zum namenhaften Abteilungsleiter großer Konzerne sind alle dabei. Unsere Webmontage sind in der Regel innerhalb von wenigen Minuten ausgebucht. Absoluter Rekord waren 250 Plätze in nur 74 Minuten. Außerdem werden wir von anderen Veranstaltungen mit Kooperationsanfragen überhäuft.

Wie kam es eigentlich dazu? Habt ihr euch den Webmontag ausgedacht?

Kristin: Nein. Die Idee Webmontag wurde im Silicon Valley geboren. Tim Bonnemann hatte dann Ende Oktober 2005 die Idee zum Web Montag in Deutschland. Er ist auch der Betreiber des Web-Montag-Wikis. Der erste richtige Webmontag fand am 07.11.2005 in Köln statt. Darauf bauen letztlich alle anderen Webmontage in Deutschland auf. So steht es zumindest auf der Website von Tim. In Hamburg gab es mehrere kleinere Anläufe, den Webmontag mit unterschiedlichen Teams aufzubauen. Den ‘neuen Webmontag’ in Hamburg betreue ich seit Ende 2010 und im Sommer 2011 habe ich mit Rene das aktuelle Team aufgebaut. Seit dem sind wir mit unserem Konzept auf Erfolgskurs und freuen uns darüber, wie positiv unsere Veranstaltung in Hamburg wahrgenommen wird.

Rene – auf der #RP12 hattest Du mir einige Wünsche/Träume erörtert. Wie willst Du beispielsweise ein damals erwähntes bundesweites Webmontag-Forum zum Austausch realisieren?

Rene: (Und wieder ein Lacher) Wir sind inzwischen ziemlich gut vernetzt. Zu den größeren Städten haben wir bereits Kontakt aufgebaut und alle sind auf Austausch aus. Leider fehlt es ein wenig an Zeit, neben der eigentlichen Arbeit (auch wir müssen Geld verdienen) und der Planung des nächsten Webmontags, das ganze etwas weiter voranschreiten zu lassen. Webmontage werden generell von Freiwilligen organisiert. Auch der Webmontag in Hamburg ist da keine Ausnahme.

Manchmal wird uns jedoch die Größe hier in Hamburg zum Handicap, denn dadurch steigen auch die Ansprüche an den Veranstaltungen. Teilweise sehen wir uns gezwungen, immer wieder darauf hinzuweisen, dass es kein Event mit professionellem oder gar kommerziellem Hintergrund ist. Die Flut an E-Mails, die uns zu manch einer Veranstaltung erreicht, können wir neben der erwähnten Organisation kaum noch bewältigen.

Was wünscht ihr euch für die Zukunft?

Rene: Wir wünschen uns, dass in Zukunft weiter nach vorne geschaut wird. Vor allem, dass wir noch mehr Informationen teilen. Gute Stimmung und Work-Life-Ballance werden immer wichtiger, für alle Beteiligten.

Kristin: Wir hoffen mit dem Webmontag in Hamburg einen Ort zu gestalten, an dem sich der Nerd, Unternehmer und jeder Interessierte austauschen und informieren können. Die digitale Szene soll sich bei uns vernetzen, um so Kommunikation zwischen den Akteuren zu ermöglichen.

Danke für das Interview.

Webmontag-Hamburg

Webmontag-Wiki

Unsere Impressionen zur erwähnten RP12

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