©Zakhar Vozhdalenko / Pexels
Warum Agenten dort zuerst produktiv werden
Aufgabenspezifische KI-Agenten verlassen das Experimentierfeld und gehören in vielen Unternehmen bereits zum Alltag. So erwartet Gartner, dass bis Ende des Jahres 2026 rund 40 Prozent aller Unternehmensanwendungen solche Agenten enthalten, gegenüber weniger als fünf Prozent im Jahr 2025 [1]. In der Praxis stellt sich damit eine nüchterne Frage. In welchem Prozess ist diese Autonomie zuerst tragfähig? Die Antwort führt – insbesondere bei mittelständischen Fertigungsunternehmen – in die Beschaffungsabteilung.
Warum die Beschaffung den Anfang macht
In vielen Fertigungsunternehmen bindet die Beschaffung erhebliche Kapazitäten durch Vorgänge, die kaum Wertschöpfung schaffen – etwa das Anlegen von Bestellungen aus Bedarfslisten, der Abgleich von Auftragsbestätigungen, das Nachhalten von Lieferterminen und die Klärung von Abweichungen. Gleichzeitig steht der Einkauf unter Druck, weil Lieferzeiten schwanken, Preise sich kurzfristig ändern und offene Stellen schwer zu besetzen sind. Wer in dieser Lage über KI nachdenkt, sucht gezielt nach Möglichkeiten zur Entlastung.
Genau dort setzen agentische KI-Systeme an. Ein Agent prüft Bedarfe fortlaufend statt im Wochenrhythmus, erkennt eine überschrittene Wiederbeschaffungszeit noch am selben Tag, schlägt einen alternativen Lieferanten vor oder löst die Bestellung innerhalb der hinterlegten Grenzen selbst aus. Engpässe fallen früher auf, Eilbestellungen und Sonderfahrten werden seltener, und Einkäufer arbeiten an Rahmenverträgen, Lieferantenentwicklung und Verhandlungen statt an Belegen.
Dass ausgerechnet die Beschaffung vorangeht, hat zudem technische Gründe. Ein großer Teil der Vorgänge wiederholt sich, die Entscheidungslogik ist über Rahmenverträge, Lieferantenbewertungen und Freigabegrenzen dokumentiert, und die Folgen eines Fehlers bleiben korrigierbar, solange sich die Automatisierung auf unkritische Positionen beschränkt.
Ohne Kontext bleibt eine Bestellung eine Zahl
Im Einkauf verändern sich damit die Aufgaben. Statt einfach nur eine bestimmte Bestellung anzulegen, lautet die Vorgabe an den Agenten, die Versorgung einer Materialgruppe innerhalb definierter Kosten- und Terminziele sicherzustellen. Dafür braucht er den nötigen Kontext aus dem ERP-System – etwa zu Beständen, Lieferzeiten, Preisen, Lieferanten und Freigabegrenzen. Wie gut ein Agent arbeiten kann, hängt deshalb entscheidend von der Qualität dieser Daten und Regeln ab.
Trifft ein Agent auf ein Datenfeld, erschließt sich ihm ohne Einordnung allein daraus weder die Bedeutung, noch in welchem prozessualen Kontext es steht und wer darauf zugreifen darf. Eine Bestellung auslösen kann jeder generische Agent. Ein branchenspezifisch trainierter Agent berücksichtigt hingegen zusätzlich Mindestabnahmemengen beim Werkstoff, Wiederbeschaffungszeiten der Lieferanten, geltende Rahmenverträge und den Lagerbestand. ERP-Anbieter wie Proalpha entwickeln vor diesem Hintergrund genau derart branchenspezifische Agenten für die diskrete Fertigung.
Diese Informationen entstehen über Jahre im operativen Betrieb und sind im ERP-System hinterlegt. Stammdaten, Stücklisten, Dispositionsparameter, Lieferantenhistorien und Freigaben bilden den unternehmensspezifischen Kontext, den ein Sprachmodell von sich aus nicht kennt. Sie schaffen den Rahmen, in dem ein Agent sinnvoll entscheiden kann.
Abgestufte Autonomie und klare Verantwortung
In der Praxis bewährt sich zudem ein abgestuftes Modell. Routinebestellungen mit geringer Kritikalität, etwa Norm- und C-Teile mit stabilem Verbrauch, lassen sich früh vollständig an Agenten übergeben und laufen dann rund um die Uhr. Bei A-Teilen mit Terminrisiko, Einzelbeschaffungen oder Lieferantenwechseln bleibt der Mensch die letzte Instanz. Dieses Stufenmodell ist die Bedingung dafür, dass der Autonomiegrad schrittweise wachsen kann, ohne die Kontrolle über die Ergebnisse zu verlieren.
Mit zunehmendem Autonomiegrad verschiebt sich zugleich die Verantwortung. Sie liegt bei dem Unternehmen, das den Agenten einsetzt, und nicht beim Anbieter, der ihn bereitstellt. Ein Agent, der eigenständig bestellt, erzeugt rechtlich bindende Vorgänge. Rollen, Freigaben, Wertgrenzen und Protokollierung müssen deshalb im System verankert sein. Sprachmodelle liefern wahrscheinlichkeitsbasierte Antworten, verbindlich wird ein Vorgang erst durch die Regeln, die das ERP-System durchsetzt und dokumentiert.
Hinzu kommt der regulatorische Rahmen. Der EU AI Act verlangt Risikoklassifizierung, technische Dokumentation und die Möglichkeit menschlicher Aufsicht. Unternehmen, die Modelle mit eigenen Daten tiefgreifend nachtrainieren, können rechtlich vom Anwender zum Inverkehrbringer werden und haften dann voll für Fehlentscheidungen des Systems [2].
Vom einzelnen Agenten zum Prozessverbund
Der eigentliche Hebel aber liegt jenseits singulärer Bestellvorgänge. Perspektivisch arbeiten spezialisierte Agenten zusammen, wenn ein Agent im Vertrieb einen Nachfrageanstieg an die Produktionsplanung meldet und von dort die Prüfung der Materialverfügbarkeit im Einkauf anstößt. Mit jedem weiteren Agenten wächst die Anforderung an die Instanz, die festlegt, wer was sehen, entscheiden und ausführen darf. Diese Rolle übernimmt das ERP-System, das auch den Zugriff externer Agenten regelt. Parallel verschiebt sich die Bedienung hin zu Sprachsteuerung und Copilot-Oberflächen [3], das Fundament darunter bleibt jedoch unverändert. Wer den Einkauf sauber aufsetzt, schafft damit die Grundlage für alles, was danach an Prozessen dazukommt.
Fazit: Die Agentenfrage entscheidet sich an den Stammdaten
Der Einkauf eignet sich insbesondere für den industriellen Mittelstand als Einstieg in agentische KI, weil dort spürbarer Druck, wiederkehrende Vorgänge und dokumentierte Regeln zusammenkommen und die Wirkung schnell sichtbar wird. Belastbar wird die Automatisierung allerdings erst, wenn Stammdaten gepflegt, Zuständigkeiten geklärt und Wertgrenzen sauber hinterlegt sind. Die strategische Frage lautet deshalb nicht, ob ein Unternehmen Einkaufsagenten einsetzt, sondern ob die Datenbasis den Grad an Autonomie trägt, den Unternehmen ihren Einkaufsagenten zugestehen wollen.
Quellen
[1] Gartner (2026): Innovation Insight: AI Is on the Cusp of Reshaping ERP. www.gartner.com/en/newsroom/press-releases/2025-08-26-gartner-predicts-40-percent-of-enterprise-apps-will-feature-task-specific-ai-agents-by-2026-up-from-less-than-5-percent-in-2025
[2] Beyond Buzzwords (Juli 2026): Welches ERP-System hat die beste KI im Jahr 2026? beyondbuzzwords.de/blog/welches-erp-system-hat-die-beste-ki-im-jahr-2026-der-große-vergleich-von-sap-microsoft-dynamics-proalpha-und-oracle-netsuite
[3] Roland Berger (April 2026): AI and ERP – Rivals or best friends? A roadmap to harness AI’s capabilities and turbocharge your ERP. www.rolandberger.com/en/Insights/Publications/AI-and-ERP-A-roadmap-to-harness-AI-s-capabilities-and-turbocharge-your-ERP.html
Disclaimer:
„Für den oben stehenden Beitrag sowie für das angezeigte Bild- und Tonmaterial ist allein der jeweils angegebene Nutzer verantwortlich. Eine inhaltliche Kontrolle des Beitrags seitens der Seitenbetreiberin erfolgt weder vor noch nach der Veröffentlichung. Die Seitenbetreiberin macht sich den Inhalt insbesondere nicht zu eigen.“