Hardwig Görtler ©Bernd Opiz

Die mittelständische Wirtschaft leidet an einem gefährlichen Anachronismus. Während Produktionslinien, Lieferketten und Vertriebskanäle längst im Wochentakt an volatile Märkte und disruptive Technologiewellen angepasst werden, gilt die oberste Führungsebene vielen Inhabern noch immer als unantastbares Dauermandat. Führung wird starr als unbefristetes Beschäftigungsverhältnis definiert. In einer Wirtschaftswelt, die maximale Agilität fordert, ist diese Verkrustung ein massiver Wettbewerbsnachteil. Wahre wirtschaftliche Reife zeigt sich heute nicht mehr im krampfhaften Festhalten an permanenten Thronen, sondern in der Bereitschaft, Verantwortung pragmatisch zu strukturieren und Expertise punktgenau dort einzusetzen, wo sie Ergebnisse bringt. Führung auf Zeit ist kein Zeichen von Instabilität, sondern der einzig logische Schritt zu struktureller Härte.

In den Führungsetagen des Mittelstands wimmelt es von Schönwetterkapitänen. Solange die See ruhig ist, der Markt von alleine wächst und die Auftragsbücher sich wie von Geisterhand füllen, klopft man sich in den klimatisierten Konferenzräumen gern gegenseitig auf die Schultern. Doch sobald der erste echte Orkan aufzieht, bricht das System zusammen. Es zeigt sich eine tiefsitzende Führungslosigkeit, die jahrelang hinter dem Deckmantel des harmonischen Austauschs getarnt wurde. Wenn notwendige Veränderungen verschleppt werden, liegt das selten an mangelndem Fachwissen der Beteiligten. Es liegt an der sozialen Architektur. Wer fester Teil eines permanenten Systems ist, unterliegt automatisch dessen ungeschriebenen Gesetzen. Jede Entscheidung hat Auswirkungen auf das eigene interne Standing, den nächsten Bonus oder die zukünftige Karriere im Haus. Das Ergebnis ist taktische Zurückhaltung, politisches Lavieren und ein feiges Wegducken vor der Verantwortung.

Die radikale Freiheit der Konsequenz

An diesem Punkt scheitert Sachlichkeit an internen Grenzen. Eine externe Führungskraft, die auf Zeit in die Organisation geholt wird, bringt eine Eigenschaft mit, die internen Kräften systembedingt fehlt: die radikale Freiheit der Konsequenz. Ein Interim Manager plant keine Karriere im Unternehmen. Er muss vor niemandem buckeln und keine Rücksicht auf verkrustete Seilschaften nehmen. Das Mandat endet per Definition mit der Lösung der gestellten Aufgabe. Diese Unabhängigkeit ist kein persönliches Verdienst, sondern ein rein funktionaler und ökonomischer Vorteil. Sie erlaubt es, den Fokus ab dem ersten Tag ohne politische Filter komplett auf die Sachebene zu lenken.

Echte Transparenz bedeutet, den Dreck unter dem Teppich hervorzuholen, auch wenn es mächtig staubt. In fast jedem mittelständischen Betrieb gibt es diesen Elefanten im Raum, den alle totschweigen, um strategische Allianzen oder den Frieden in der Familie zu schonen. Ich bin nicht hier, um Teil eines Kuschelkurses zu werden, neue Freunde zu finden oder mein Netzwerk zu pflegen. Ich bin hier, um den Laden wetterfest zu machen. Ein externer Profi hat keine Angst vor dem internen Gesichtsverlust, weil er nichts zu verlieren hat außer wertvoller Zeit. Konsequenz heißt: Wenn wir festgestellt haben, dass ein Weg in den Abgrund führt, bleiben wir nicht auf halber Strecke stehen und diskutieren über die Farbe des Geländers. Wir drehen um. Sofort. Ohne Ausnahme für historische Privilegien oder politische Befindlichkeiten. Wissensballast in Archiven hilft niemandem, wenn der Mut fehlt, die Erkenntnisse auf dem Hallenboden auch exekutieren zu lassen.

Die eiskalte Mathematik des Vakuum-Schadens

Das häufigste Argument, das man in mittelständischen Beiräten gegen den gezielten Einsatz externer Spitzenkräfte hört, ist der Tagessatz. Wer hier jedoch nur die nackten Kosten gegen das fiktive Bruttogehalt einer Festanstellung rechnet, begeht einen fundamentalen mathematischen Denkfehler. Die eigentliche ökonomische Rechnung lautet nicht: Was kostet der Manager, sondern: Was kostet das Vakuum?

Der sogenannte Vakuum-Schaden ist real und lässt sich in jeder Bilanz ablesen, wenn man genau hinsieht. Wenn eine Schlüsselposition verwaist ist oder ein kritisches Transformationsprojekt im Nebel der Unentschlossenheit stagniert, steigen die Reibungsverluste sofort an. Während monatelang nach dem vermeintlich idealen Kandidaten gesucht wird, verliert das Unternehmen an Entscheidungsgeschwindigkeit, beste Leistungsträger wandern aus Orientierungslosigkeit ab, und Wettbewerber ziehen rechts und links vorbei. Diese Opportunitätskosten fressen Ihr Eigenkapital schneller auf, als Sie das Wort Restrukturierung buchstabieren können.

Ein erfahrener Profi sichert die Handlungsfähigkeit ab der ersten Stunde. Er fängt diesen Schaden ab, bringt die vorhandenen PS auf die Straße und entlastet das System. Dadurch wird die Geschäftsführung wieder in die Lage versetzt, als General auf der Brücke zu agieren, anstatt als einfacher Soldat im operativen Schützengraben der täglichen Probleme festzustecken.

Fazit: Das Ende der absoluten Hierarchie

Wenn die Justierung wieder stimmt, die Prozesse reibungslos ineinandergreifen und das Feld für die dauerhafte Neubesetzung sauber vorbereitet ist, macht sich das temporäre Mandat überflüssig und zieht weiter. Was bleibt, ist die Wirkung auf Dauer.

Führung auf Zeit ist kein Zeichen von Schwäche, sondern das deutlichste Signal für die Bereitschaft eines Unternehmens, Verantwortung pragmatisch zu strukturieren und Hierarchie weniger absolut zu verstehen. Kompetenz muss nicht dauerhaft an das Unternehmen gebunden sein, um maximale Wirksamkeit zu entfalten. Führung kostet Geld. Keine Führung kostet das Unternehmen die Existenzgrundlage. Führung auf Zeit ist die ökonomisch logische Antwort auf die Komplexität unserer Zeit.

Experten Vita Hartwig Görtler
Executive Interim Manager

Hartwig Görtler ist ein international erfahrener Executive Interim Manager mit über 30 Jahren Berufserfahrung, spezialisiert auf Turnaround, Restrukturierung und Wachstum im Mittelstand. Seine Zeit als Offizier der Fallschirmjägertruppe und als Leistungssportler prägte seinen klaren, direkten Führungsstil: schnelles Erfassen, strategisches Handeln und kompromisslose Umsetzung.

Als passionierter Jäger und Falkner setzt er sich aktiv für Artenvielfalt ein und wurde für sein Engagement mehrfach ausgezeichnet. BVMid Top Interim Manager 2024 und 2025, Mitglied im Wirtschaftsbeirat Bayern und Experte im Club AMERITUM.

Sein Credo: „Machen ist wie wollen. Nur krasser.”

Website: www.campsis-consulting.de

LinkedIn Hartwig Görtler 

Experten Talk 

Disclaimer:
„Für den oben stehenden Beitrag sowie für das angezeigte Bild- und Tonmaterial ist allein der jeweils angegebene Nutzer verantwortlich. Eine inhaltliche Kontrolle des Beitrags seitens der Seitenbetreiberin erfolgt weder vor noch nach der Veröffentlichung. Die Seitenbetreiberin macht sich den Inhalt insbesondere nicht zu eigen.“