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Digitale Souveränität wird im Mittelstand meist als Datenfrage verhandelt. Wer aber wirklich resilient bleiben will, muss vor allem das ERP-System in den Blick nehmen.
Im Einkauf weiß man: Wer sich von einem einzigen Zulieferer abhängig macht, ohne Alternativen zu haben, geht ein strategisches Risiko ein. Was dort als Lehrbuchfall gilt, wiederholt sich im Mittelstand täglich auf der digitalen Ebene, oft unbemerkt. Besonders kritisch wird diese Abhängigkeit bei der ERP-Software. Das ERP steuert Angebotskalkulation, Beschaffung, Lager, Auslieferung und Abrechnung. Wenn es nicht mit den Anforderungen des Unternehmens Schritt hält, wirkt sich das auf den gesamten Geschäftsbetrieb aus.
In Kürze
- Digitale Souveränität ist mehr als eine Datenfrage. Für den Mittelstand entscheidet sich Handlungsfähigkeit vor allem dort, wo zentrale Geschäftsprozesse gesteuert werden: im ERP-System.
- Abhängigkeiten lassen sich nicht vollständig vermeiden. Entscheidend ist, ob sie transparent und steuerbar bleiben, damit Unternehmen auch auf neue Anforderungen reagieren können.
- Die Wahl des ERP-Anbieters ist eine strategische Entscheidung. Wer Einfluss auf Weiterentwicklung und Anpassungen behält, stärkt die Resilienz des gesamten Unternehmens.

Souveränität hat drei Dimensionen
Die Debatte um digitale Souveränität kreist oft um Datenspeicherung: Wo liegen die Daten, wer hat Zugriff? In welchem Rechtsrahmen werden sie verarbeitet? Diese Fragen erfassen jedoch nur einen Teil der tatsächlichen Abhängigkeit.
Ebenso wichtig ist die Frage, ob Unternehmen ihre geschäftskritischen Systeme langfristig nach ihren Anforderungen nutzen und weiterentwickeln können. Dazu gehört zum einen die Sicherheit, dass eine Software regulatorische, fachliche und branchenspezifische Anforderungen auch künftig zuverlässig erfüllt. Zum anderen braucht ein Unternehmen die Fähigkeit, IT-Entscheidungen selbstbestimmt zu treffen und Einfluss auf die Weiterentwicklung zentraler Systeme zu behalten.
Selbst wenn die eigenen Daten auf europäischen Servern liegen, können starke Abhängigkeiten von einem Software-Anbieter die unternehmerische Handlungsfreiheit erheblich einschränken. Kritisch wird es vor allem dann, wenn neue regulatorische Anforderungen, Marktveränderungen oder Anpassungswünsche umgesetzt werden müssen. Können Unternehmen darauf nur begrenzt Einfluss nehmen, hängt ihre Handlungsfähigkeit zunehmend von den Prioritäten und Produktentscheidungen des Anbieters ab.
Abhängigkeiten bewusst steuern
Abhängigkeiten lassen sich in der Unternehmenspraxis nicht vermeiden, auch nicht beim ERP-System. Entscheidend ist vielmehr, wie transparent und steuerbar Abhängigkeiten sind. Kritisch wird es dann, wenn Unternehmen auf Veränderungen reagieren müssen, aber nur noch begrenzten Einfluss auf ihr System haben.
Deshalb sollte ein ERP nicht nur die aktuellen Anforderungen erfüllen. Es muss sich auch an neue gesetzliche Vorgaben, veränderte Marktbedingungen oder neue Geschäftsmodelle anpassen lassen. Digitale Souveränität bedeutet in diesem Zusammenhang nicht maximale Unabhängigkeit, sondern die Fähigkeit, auch in einem sich verändernden Umfeld handlungsfähig zu bleiben.
Warum die Anbieterwahl so wichtig ist
Für mittelständische Unternehmen ist die Wahl des ERP-Anbieters eine strategische Entscheidung mit langfristigen Auswirkungen. Ein ERP-System läuft in der Regel viele Jahre, oft mehr als ein Jahrzehnt. In dieser Zeit verändern sich Märkte, gesetzliche Anforderungen und Geschäftsmodelle.
Die entscheidende Frage ist daher nicht, welches System heute die meisten Funktionen bietet, sondern welcher Anbieter auch morgen noch in der Lage und bereit ist, die Anforderungen des Unternehmens zu verstehen und umzusetzen.
Große, international aufgestellte Hersteller entwickeln ihre Produkte entlang einer globalen Roadmap. Spezifische Anforderungen mittelständischer Unternehmen in der DACH-Region fallen dabei naturgemäß weniger ins Gewicht. Ein konkretes Beispiel ist die E-Rechnung: Wer auf einen Anbieter setzt, der europäische Regulatorik nativ und zeitnah umsetzt, ist klar im Vorteil gegenüber demjenigen, der auf Add-ons oder Workarounds angewiesen ist.
Wer als Kunde Gehör findet, kann sein System an neue Anforderungen anpassen. Wer keinen Einfluss hat, macht seine Handlungsfähigkeit von den Prioritäten des ERP-Anbieters abhängig.
Abhängigkeiten kennen, bewerten und steuern
Eine allgemeingültige Antwort darauf, wie viel digitale Souveränität ein Unternehmen braucht, gibt es nicht. Die richtige Balance hängt von den individuellen Anforderungen, dem Marktumfeld und der Unternehmensstrategie ab.
Abhängigkeiten lassen sich nie vollständig vermeiden. Entscheidend ist, sie zu kennen, transparent zu halten und so zu gestalten, dass das Unternehmen handlungsfähig bleibt. Die ERP-Strategie ist immer auch Resilienzstrategie. Denn wer die Kontrolle über sein ERP-System verliert, verliert im Zweifel auch Einfluss auf die Weiterentwicklung des eigenen Unternehmens.

Über den Autor:
Andreas Fresi ist Geschäftsführer der Step Ahead GmbH. Der erfahrene Vertriebs- und Serviceexperte verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung in der ITK- und Softwarebranche. Zuletzt verantwortete er als Director Sales & Marketing bei der Vimata Group die gruppenweite Vertriebs- und Marketingstrategie. Sein Fokus liegt auf nachhaltigen Kundenbeziehungen, erfolgreichen Vertriebsstrategien und innovativen Softwarelösungen für mittelständische Unternehmen.
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