Sören Michl, Vice President AI Adoption bei IFS ©IFS
Kommentar von Sören Michl
Wenn wir der alten Lebensweisheit glauben dürfen, ist nichts so sicher wie der Wandel. Und wir erleben aktuell viel Wandel. Erst der technologische Big Bang in Form von großen Sprachmodellen, gefolgt von immer leistungsfähigeren Chatbots, Copiloten und Spezialisierungen wie industrieller KI. Mit etwas Abstand wissen wir heute, dass all das nur an der Oberfläche dessen gekratzt hat, was jetzt erst beginnt. Was wir gerade in Echtzeit erleben dürfen, ist nicht weniger als die nächste Zäsur auf dem digitalen Zeitstrahl. Die betrifft nicht länger nur die Interaktion zwischen Mensch und KI, sondern findet dort statt, wo KI-Systeme anfangen, eigenständig miteinander zu arbeiten. Agentische KI ist der nächste Meilenstein des Wandels. Und der hat es aus mehreren Gründen in sich.
Die wohl größte Auswirkung haben KI-Agenten, weil sie nicht das nächste isolierte Werkzeug sind, sondern eine grundlegende Verschiebung von Arbeitsweisen und Rollenverständnis bedeuten. Digitale Mitarbeitende, wie KI-Agenten so treffend auch bezeichnet werden, koordinieren Prozesse selbstständig, tauschen Informationen aus und stoßen Folgeaufgaben an. Ganz konkret ist das Ergebnis für Mitarbeitende und Unternehmen, dass nicht nur einzelne repetitive Arbeitsschritte automatisierbar sind, sondern ganze Prozessketten. Für viele Unternehmen und insbesondere die Industrie kommt diese Entwicklung zur rechten Zeit, da sie angesichts globaler Unsicherheiten und dem Fachkräftemangel angehalten sind, die Effizienz zu steigern und Mitarbeitende zu entlasten. Zu viel Zeit fließt jeden Tag noch in banale, kleinteilige Arbeiten wie Rückfragen, Statusabgleiche, Nachverfolgung, Datenpflege und Prozesskoordination. Hochqualifizierte Mitarbeitende verbringen Stunden damit, Informationen hinterherzulaufen, statt Entscheidungen zu treffen und auf strategischer Ebene zu agieren.
Hinzu kommt ein weiterer ganz entscheidender Aspekt, den auch Anthropic-Mitbegründer Jack Clark jüngst in einem Interview noch einmal deutlich machte: Wirklich hocheffiziente und konzentrierte Arbeit ist nicht über einen Zeitraum von acht Stunden oder länger zu leisten. Warum also nicht automatisierbare Aufgaben an verlässliche KI-Agenten auslagern und den vollen Fokus auf wichtige Prozesse legen, die Kreativität und menschliche Expertise erfordern? Wir sprechen also nicht über futuristische Visionen oder menschenleere Fabriken, denn KI-Agenten ersetzen den Menschen nicht. Sie verschieben menschliche Arbeit auf eine andere Ebene. Der Mensch wird weniger Prozessverwalter, sondern immer stärker Entscheider. Weniger operative Schnittstelle zwischen Systemen und stärker Instanz für Bewertung, Freigabe und Eskalation. Das ist ein fundamentaler Unterschied, weil viele Unternehmen aktuell eher versuchen, bestehende Prozesse einfach mit KI zu beschleunigen. Langfristig wird es aber nicht ausreichen, einzelne Arbeitsschritte „nur“ effizienter zu gestalten. Entscheidend wird sein, digitale Arbeit überhaupt neu zu organisieren.
Weitere Informationen: ifs.com
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