Autor: Rajesh Nambiar, Präsident von Nasscom ©Nasscom

Die Software-Tochter von Volkswagen, CARIAD, hatte bis Anfang 2025 rund 7,5 Milliarden Euro an operativen Verlusten angehäuft. Modellanläufe verzögerten sich um Jahre [1]. Am Ende investierte der Konzern bis zu 5,8 Milliarden US-Dollar in das Startup Rivian, um zu kompensieren, was man selbst nicht leisten konnte [2]. Doch CARIAD ist kein Einzelfall – der Autozulieferer Continental streicht 10.000 Stellen [3], Getriebe- und Fahrwerkspezialist ZF Friedrichshafen plant den Abbau von 14.000 Arbeitsplätzen. Insgesamt sind seit dem Jahr 2023 über 55.000 Jobs in der deutschen Automobilbranche weggefallen [4].

Doch das ist nicht nur ein Problem der Automobilbranche, es ist das Sinnbild einer ganzen Industrienation, die den Software-Shift unterschätzt hat. Was dort sichtbar wird, betrifft längst den gesamten Maschinenbau. Vom Medizingerät bis zur Erdbaumaschine wird jedes Produkt zu einem software- und KI-definierten System: DMG MORI beispielsweise simuliert Werkzeugmaschinen als digitale Zwillinge [5], Siemens Healthineers steuert MRT-Geräte über KI-gestützte Bildrekonstruktion [6] und Komatsu vernetzt Erdbaumaschinen über cloudbasierte 3D-Plattformen [7]. Was Kunden bereit sind für Produkte zu bezahlen, hängt immer weniger von der Mechanik ab und immer mehr davon, was die Software kann. Allein im Automobilbereich soll der Markt für Software und Elektronik laut McKinsey bis 2035 auf 519 Milliarden Dollar wachsen – bei 4,5 Prozent jährlichem Wachstum, während der Gesamtfahrzeugmarkt nur um ein Prozent zulegt [8]. In der Medizintechnik, im Werkzeugmaschinenbau und in der Verpackungsindustrie zeichnen sich ähnliche Verschiebungen ab.

Warum der Alleingang an seine Grenzen stößt

Deutsche Unternehmen führen bei der Hardware weiterhin weltweit, doch in Embedded Software, KI und Plattformarchitekturen fehlen die Kapazitäten. 109.000 IT-Stellen sind branchenweit unbesetzt, die durchschnittliche Besetzungsdauer liegt bei 7,7 Monaten [9]. Für Mittelständler abseits der Großstädte ist die Situation besonders prekär. Viele erhalten auf ausgeschriebene Entwicklerstellen keine einzige Bewerbung mehr. Zudem ist Deutschlands Geburtenrate auf 1,35 Kinder pro Frau gefallen [10], das heißt, es kommen schlicht weniger Fachkräfte nach, als in den kommenden Jahren ausscheiden. Gleichzeitig konkurrieren Maschinenbauer um dasselbe schrumpfende Talentangebot nicht nur untereinander, sondern auch mit Google, Meta und einer wachsenden Zahl von KI-Startups. Die Lücke lässt sich mit dem heimischen Arbeitsmarkt allein nicht mehr schließen.

Von der verlängerten Werkbank zum Innovationspartner

Immer mehr Maschinenbauer reagieren auf dieses Defizit, indem sie auf internationale Engineering-Partnerschaften setzen – allerdings nicht im Sinne des klassischen Outsourcings, sondern mit geteilter Architekturverantwortung. Über 1.700 globale Konzerne betreiben inzwischen eigene Forschungs- und Entwicklungszentren in Indien – sogenannte Global Capability Centres (GCC) – und beschäftigen dort rund 1,9 Millionen Fachkräfte [11]. GCCs stellen viermal schneller ein als traditionelle IT-Dienstleister [12] und haben ihre KI-Kapazitäten massiv ausgebaut: Allein in den GCCs der Fortune-500-Unternehmen arbeiten über 126.000 KI-Fachkräfte [13].

Entscheidend ist, dass sich die Zusammenarbeit fundamental gewandelt hat. Indische Teams übernehmen heute die Verantwortung für komplette Systemarchitekturen. Sie arbeiten nicht mehr als verlängerte Werkbank, sondern als eigenständige Tier-1-Innovationspartner, die Architekturen konzipieren, technologische Risiken mittragen und dem Auftraggeber im Zweifel sagen, was er entwickeln sollte, und nicht nur umsetzen, was bestellt wird.

Wie das in der Praxis aussieht

Was das konkret bedeutet, zeigen Projekte auf höchstem technologischem Niveau: KPIT Technologies aus Pune wurde von Renault als strategischer Lead-Partner für das Software-Defined-Vehicle-Programm ausgewählt – nicht als Zulieferer einer Komponente, sondern als Architekturverantwortlicher über mehrere Domänen hinweg, von der Fahrassistenz bis zur Fahrzeugelektronik [14]. Bosch betreibt über seine Softwaretochter BGSW mit rund 28.000 Mitarbeitenden in Indien das größte Software- und Technologiezentrum des Konzerns außerhalb Deutschlands [15]. Dort entstand der Bosch Hemoglobin Monitor – ein Gerät, das Hämoglobinwerte vollständig nicht-invasiv mittels KI misst, ausgezeichnet als CES Innovation Award Honoree [16]. Und Samsungs Forschungszentrum SRI-B in Bangalore hat maßgeblich Galaxy AI mitentwickelt [17] – die KI-Funktionen auf Hunderten Millionen Samsung-Smartphones.

Die Bandbreite reicht weit über diese Leuchtturmprojekte hinaus: LTTS hat agentische KI für autonomes Motorendesign geschaffen [18], Infosys KI-gestützte Schwarmroboter für die Landwirtschaft [19] und Applied Materials ein neuartiges Digital-Lithografie-Werkzeug für Halbleiterverpackung [21].

Was sich für den deutschen Maschinenbau konkret ändert

Für deutsche Maschinenbauer eröffnen diese Partnerschaften drei Möglichkeiten:

  • fehlende Softwarekapazitäten gezielt ergänzen,
  • Entwicklungszyklen verkürzen
  • und digitale Geschäftsmodelle schneller in den Markt bringen.

Was das operativ bedeutet: Ein mittelständischer Maschinenbauer, der heute acht Monate auf einen Embedded-Software-Entwickler wartet, kann über ein GCC in Indien innerhalb von Wochen ein spezialisiertes Entwicklungsteam aufbauen – mit Ingenieuren, die sowohl KI-Modellierung als auch domänenspezifische Anforderungen beherrschen. Die Teams arbeiten nicht in einem Auftragsverhältnis, sondern in gemeinsamer Architekturverantwortung. Sie gestalten die Software-Roadmap mit, tragen technologische Risiken und liefern nicht nur Code, sondern Produktinnovation.

Indien bringt in diese Partnerschaft weit mehr ein als Skalierung. Das Land produziert jährlich rund 2,5 Millionen STEM-Absolventen, mehr als achtmal so viele wie Deutschland [22]. Über 17 Millionen Entwickler auf GitHub bilden die zweitgrößte und am schnellsten wachsende Developer-Community der Welt [23]. 20 Prozent des weltweiten Halbleiterdesign-Talents sitzen in Indien [24] und laut Stanfords Global AI Vibrancy Tool 2025 rangiert Indien im globalen KI-Wettbewerb bereits auf Platz drei – hinter den USA und China, aber vor Großbritannien, Südkorea und Japan [25].

Die Zusammenarbeit baut dabei auf einem eingespielten Rahmen aus Verträgen, Compliance-Standards und gegenseitigem Vertrauen auf, der sich über Jahrzehnte bewährt hat.

Fazit

Die Wertschöpfung im Maschinenbau verschiebt sich irreversibel von der mechanischen Komponente zur digitalen Funktion. Deutsche Unternehmen verfügen über erstklassige Hardware-Kompetenz, doch im Bereich Software klafft ein strukturelles Defizit, das der heimische Arbeitsmarkt absehbar nicht schließen wird. Wer die Software-Schicht nicht aus eigener Kraft aufbauen kann, muss sie in Partnerschaft entwickeln. Die Frage ist nicht mehr, ob Maschinenbauer mit internationalen Engineering-Hubs zusammenarbeiten, sondern ob sie es früh genug tun – und ob sie in fünf Jahren feststellen müssen, dass die Innovationspartnerschaft, die sie hätten haben können, längst von der Konkurrenz besetzt ist.

Quellen

[1] Auto Motor und Sport: VW-Konzernergebnis und Ursachen des Gewinneinbruchs https://www.auto-motor-und-sport.de/verkehr/vw-konzernergebnis-die-ursachen-des-alarmierenden-gewinneinbruchs/

[2] Volkswagen Group: Rivian and Volkswagen Group Joint Venture https://www.volkswagen-group.com/en/press-releases/faster-leaner-more-efficient-rivian-and-volkswagen-group-announce-the-launch-of-their-joint-venture-18828

[3] ZDF: Continental streicht insgesamt über 10.000 Stellen https://www.zdf.de/nachrichten/wirtschaft/unternehmen/continental-stellenabbau-hessen-bayern-standortschliessung-100.html

[4] Automotive Manufacturing Solutions: Stellenabbau bei deutschen Automobilkonzernen https://www.automotivemanufacturingsolutions.com/editors-pick/german-auto-giants-face-major-job-cuts/678032

[5] Siemens/DMG MORI: Erster durchgängiger digitaler Zwilling einer Werkzeugmaschine https://press.siemens.com/global/en/pressrelease/dmg-mori-offers-first-end-end-digital-twin-machine-tool-siemens-xcelerator-marketplace

[6] Siemens Healthineers: KI-gestützte MRT-Bildrekonstruktion Deep Resolve https://www.siemens-healthineers.com/de/magnetic-resonance-imaging/technologies-and-innovations/deep-resolve

[7] Komatsu: Cloudbasierte 3D-Plattform Smart Construction https://www.komatsu.com/en-us/newsroom/2026/komatsu-smart-construction-makes-stronger-connection-between-machines-office-work

[8] McKinsey: Marktvolumen Automobil-Software und -Elektronik bis 2035 https://www.mckinsey.com/features/mckinsey-center-for-future-mobility/our-insights/mapping-the-automotive-software-and-electronics-landscape

[9] Bitkom: 109.000 unbesetzte IT-Stellen in Deutschland https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Deutschland-fehlen-IT-Fachkraefte

[10] Destatis: Geburtenrate in Deutschland auf 30-Jahres-Tief https://www.destatis.de/EN/Press/2025/07/PE25_259_12.html

[11] Indisches IT-Ministerium (Lok Sabha): Über 1.700 GCCs mit 1,9 Millionen Beschäftigten https://indian.community/news/over-1700-global-capabilities-centres-employ-over-19-lakh-people-in-india-minister/

[12] Economic Times / TeamLease Digital: GCCs stellen viermal schneller ein als IT-Dienstleister https://trak.in/stories/gcc-hiring-4-times-faster-than-it-companies-20-lakh-employees-now-in-gccs/

[13] Yahoo Finance/ANSR: KI-Kapazitäten in Fortune-500-GCCs in Indien https://finance.yahoo.com/news/global-capability-centers-gccs-india-192700756.html

[14] KPIT Technologies: Renault wählt KPIT als strategischen SDV-Partner https://www.kpit.com/news/renault-group-selects-kpit-as-technology-partner-for-software-defined-vehicle/

[15] BGSW-Pressemeldung / TheCompanyCheck MCA-Filing FY2025: Größtes Software- und Technologiezentrum von Bosch außerhalb Deutschlands, 28.804 Mitarbeitende in Indien https://www.bosch-softwaretechnologies.com/en/our-company/press-releases/2022/rbei-is-now-bgsw/

[16] Bosch Media Service: Nicht-invasiver Hämoglobin-Monitor, entwickelt in Bangalore https://www.bosch-presse.de/pressportal/de/en/bosch-hemoglobin-monitor-early-detection-of-anemia-without-blood-tests-223296.html

[17] Deccan Herald: Samsungs Bangalore-Zentrum entwickelt Galaxy AI https://www.deccanherald.com/technology/samsung-rd-bengaluru-powering-global-innovation-from-india-3703646

[18] Nasscom India means Innovation Podcast: LTTS – Agentische KI für Motorendesign https://www.youtube.com/watch?v=sjXTYu7uUis

https://www.ltts.com/solutions/PlxAI & https://www.ltts.com/press-release/ltts-launches-PLxAI-proprietary-GenAI-framework-accelerate-product-development

[19] Nasscom India means Innovation Podcast: Infosys – KI-gestützte Schwarmroboter https://www.youtube.com/watch?v=kkMGxviZGbo

https://www.infosys.com/newsroom/features/2022/innovative-5g-natural-program.html

https://www.infosys.com/de/5g-germany.html

[20] Nasscom India means Innovation Podcast: Quest Global – 5G auf Feature-Phones https://www.youtube.com/watch?v=qa97tpflgJg

https://nasscom.in/voices/grassroot-innovation-enabling-4g5g-services-ultra-low-cost-feature-phones

https://www.manufacturingtodayindia.com/quest-global-frugal-engineering-digital-inclusivity

[21] Nasscom India means Innovation Podcast / Applied Materials IR: Digital Lithography Technology https://nasscom.in/voices/india-means-innovation-case-study-podcast-applied-materials

https://ir.appliedmaterials.com/news-releases/news-release-details/breakthrough-digital-lithography-technology-applied-materials

[22] Georgetown CSET / UNESCO/OECD: STEM-Absolventen nach Ländern https://cset.georgetown.edu/article/the-global-distribution-of-stem-graduates-which-countries-lead-the-way/

[23] Business Today: 17 Millionen indische Entwickler auf GitHub https://www.businesstoday.in/technology/news/story/indias-developer-boom-17-million-strong-on-github-ai-and-open-source-drive-growth-452139-2024-10-31

[24] Indisches IT-Ministerium: 20 Prozent des weltweiten Halbleiterdesign-Talents in Indien https://www.pib.gov.in/PressReleasePage.aspx?PRID=2239608

[25] Stanford HAI: Global AI Vibrancy Tool 2025 – Indien auf Platz drei https://hai.stanford.edu/ai-index/global-vibrancy-tool

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