Chris Dimitriadis, Chief Global Strategy Officer bei ISACA ©ISACA
Der digitale Wandel beschleunigt sich, Cyberattacken nehmen rasant zu und die regulatorischen Anforderungen werden immer komplexer. Viele Führungskräfte fühlen sich überrollt und treffen Entscheidungen nur noch reaktiv, anstatt die Zukunft proaktiv zu gestalten.
Besonders der Vormarsch der Künstlichen Intelligenz schafft neben neuen Möglichkeiten auch eine neue Generation von Cyberbedrohungen. Die aktuelle ISACA AI Pulse Poll vom Mai 2026 zeigt dieses Dilemma deutlich: Nur 42 Prozent der europäischen Unternehmen verfügen über eine formelle KI-Richtlinie, obwohl deren Nutzung längst Alltag ist. Demgegenüber steht die Aussage von 71 Prozent der Experten, dass KI-gestützte Angriffe schwerer zu erkennen sind, während ein Drittel der Firmen nicht einmal weiß, ob sie bereits getroffen wurden. Es ist an der Zeit, die strategische Kontrolle zurückzugewinnen und eine nachhaltige digitale Resilienz aufzubauen.
Der Fünf-Punkte-Plan für digitale Resilienz und Kontrolle
Um aus der reaktiven Haltung auszubrechen, sollten sich Führungskräfte auf fünf strategische Handlungsfelder konzentrieren. Der Schlüssel liegt in einem ganzheitlichen Ansatz, der Technologie, Prozesse und menschliche Kompetenzen miteinander verbindet, anstatt sie isoliert zu behandeln. So erhöhen Unternehmen nicht nur ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber externem Druck, sondern schaffen auch das digitale Vertrauen, das für den langfristigen Markterfolg entscheidend ist.
1. Eine integrierte Sichtweise schaffen: Technologie, Risiko und Compliance dürfen nicht in Silos agieren. Ein ganzheitlicher Blick ist entscheidend, um die Wechselwirkungen zu verstehen und fundierte Entscheidungen zu treffen.
- To-Do: Eine übergreifende Risikobewertung durchführen, die technologische Abhängigkeiten und regulatorische Pflichten gemeinsam bewertet. Anerkannte Rahmenwerke wie COBIT helfen dabei, eine gemeinsame Sprache zu schaffen und Governance-Prozesse zu strukturieren. Einen zentralen Verantwortlichen oder ein funktionsübergreifendes Gremium (besetzt mit IT, Recht, Risiko) für digitales Vertrauen benennen.
2. Auf „Security & Privacy by Design“ setzen: Sicherheit darf kein nachträglicher Gedanke sein. Sie von Beginn an in alle Technologie-Projekte zu integrieren, ist effizienter, kostengünstiger und eine Kernforderung moderner Regularien wie NIS-2, DORA oder dem EU AI Act.
- To-Do: Sicherheits- und Datenschutz-Folgenabschätzungen (SFA/DSFA) als festes Kriterium für den Start neuer Projekte verankern. Entwickler- und Projektmanagement-Teams dahingehend schulen, dass Sicherheit als integraler Qualitätsstandard und nicht als Hindernis verstanden wird.
3. In Menschen und Kompetenzen investieren: Technologie und Richtlinien sind nur so effektiv wie die Menschen, die sie umsetzen. Die Investition in die Fähigkeiten der eigenen Mitarbeitenden ist der nachhaltigste Weg, um die Qualifikationslücke zu schließen.
- To-Do: Gezielte Entwicklungspläne für Mitarbeitende in Schlüsselpositionen aufsetzen. International anerkannte Zertifizierungen (z. B. CISA, CISM oder Qualifikationen im KI-Bereich wie AAIA) nutzen, um Kompetenzen nachweisbar zu machen und eine gemeinsame Wissensbasis zu schaffen.
4. Die operativen Grundlagen meistern: Fortschrittliche Abwehrmechanismen sind wirkungslos, wenn die Basis vernachlässigt wird. Viele erfolgreiche Angriffe zielen auf bekannte, grundlegende Schwachstellen ab.
- To-Do: Die Exzellenz der Cyber-Grundhygiene sicherstellen. Dazu gehören insbesondere ein robustes Identitäts- und Zugriffsmanagement (IAM) und ein konsequentes Patch-Management. Den Notfallplan (Incident Response) regelmäßig durch realistische Simulationen testen, um Reaktionszeiten und -prozesse zu optimieren.
5. Strategische Allianzen bilden und Wissen teilen: Keine Organisation kann die Komplexität der heutigen Bedrohungs- und Regulierungslandschaft allein bewältigen. Der Austausch von Informationen ist kein Risiko, sondern ein strategischer Vorteil.
- To-Do: Sich aktiv in vertrauenswürdigen Netzwerken, ISACs (Information Sharing and Analysis Centers) und Branchenverbänden (z. B. ISACA) engagieren. Den Austausch von Bedrohungsinformationen und Best Practices als strategische Aufgabe begreifen, um von der kollektiven Intelligenz der Branche zu profitieren und gemeinsam an Lösungsansätzen zu arbeiten.
Um diesen ganzheitlichen Ansatz strukturiert umzusetzen und den Erfolg messbar zu machen, bietet sich ein bewährtes Reifegradmodell wie CMMI AIM an. Das von ISACAs CMMI Institute entwickelte CMMI (Capability Maturity Model Integration) Framework ermöglicht es Organisationen, ihre eigenen Fähigkeiten sowie ihre Leistungsreife objektiv zu bewerten und gezielte Verbesserungen zu steuern. Es dient als übergeordneter Rahmen, um die in den fünf Punkten beschriebenen Maßnahmen zu operationalisieren und sicherzustellen, dass die Investitionen in Governance, Prozesse und Kompetenzen tatsächlich zu einer höheren und nachweisbaren digitalen Resilienz führen.
Die aktuelle Dynamik aus technologischem Wandel und regulatorischem Druck muss nicht zu einem Kontrollverlust führen. Im Gegenteil: Sie bietet die Chance, durch einen bewussten, strategischen und ganzheitlichen Ansatz die eigene Organisation resilienter und souveräner aufzustellen. Unternehmen, die jetzt in integrierte Governance, robuste Prozesse und vor allem in die Kompetenz ihrer Mitarbeitenden investieren, sichern nicht nur Risiken ab. Sie bauen das Fundament für die wichtigste Währung der digitalen Wirtschaft: digitales Vertrauen.
Weitere Informationen zum AI Pulse Poll unter https://www.isaca.org/resources/ai-pulse-poll.
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